{"id":208,"date":"2017-03-03T03:16:46","date_gmt":"2017-03-03T02:16:46","guid":{"rendered":"http:\/\/berlinerisch.com\/de\/?p=208"},"modified":"2017-03-03T03:16:46","modified_gmt":"2017-03-03T02:16:46","slug":"niemals-anzug-in-der-ringbahn","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/berlinerisch.com\/de\/2017\/03\/03\/niemals-anzug-in-der-ringbahn\/","title":{"rendered":"Niemals Anzug in der Ringbahn"},"content":{"rendered":"<p>Bevor die Ringbahn zur Ringbahn wurde, war es eine S-Bahn Teilstrecke am Rande des neuen Ost Berlins. Ich kannte fast niemanden, der damit fuhr, da niemand sich weiter als Mauerpark, Tempelhof (damals noch Flughafen) oder die Ged\u00e4chtniskirche traute.<\/p>\n<p>Ich aber schon. Ich sah diese S-Bahn damals als Abenteuer. Ich w\u00fcrde jedes Mal einsteigen im Bahnhof Sch\u00f6nhauser Allee oder Greifswalder Stra\u00dfe und staunen wie ein anderes Zeitfenster aufging, wenn die T\u00fcren sich schlossen. Pl\u00f6tzlich wurde ich direkt nach Bukarest transportiert. Es gab immer bunte, interessante Menschen im Zug \u2013 der \u00dcberrest von was Berlin einmal war und ohne eine Ahnung was es einmal sein wird.<\/p>\n<p>Ich fand es spannend. Wie in einer Achterbahn, wenn man gerade den Gipfel des steilsten H\u00fcgels erreicht hat, kurz bevor es losgeht und gar nicht wei\u00df, ob man das ganze \u00fcberleben wird. Man hofft immer, dass der T\u00dcV gr\u00fcndlich war.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-209\" src=\"http:\/\/berlinerisch.com\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/3\/2017\/03\/161207_ringbahn.jpg\" alt=\"Ringbahn\" width=\"500\" height=\"375\" srcset=\"http:\/\/berlinerisch.com\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/3\/2017\/03\/161207_ringbahn.jpg 500w, http:\/\/berlinerisch.com\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/3\/2017\/03\/161207_ringbahn-300x225.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><\/p>\n<p>Neulich hatte ich ein Vorstellungsgespr\u00e4ch. Die kommen bei mir gar nicht so oft vor und ich musste deswegen an mein letztes denken \u2013 es war vor ungef\u00e4hr 10 Jahre. Damals war das ein Vorstellungsgespr\u00e4ch bei einer Presseagentur in Frankfurt. Ich trug einen Anzug. Hugo Boss. Schwarz. Hatte ihn schon eine halbe Ewigkeit.<\/p>\n<p>Nach dem Gespr\u00e4ch flog ich Heim, also nach Berlin. Als ich durch den Frankfurter Flughafen lief, diskutierten die Stimmen in meinem Kopf scharf miteinander. Und falls du schon mal im Frankfurter Flughafen warst, dann wei\u00dft du, dass die Stimmen sehr viel Zeit miteinander hatten. Fliegen ist nur ein Nebengedanke vom Frankfurter Flughafen. Laufen ist die Hauptattraktion.<\/p>\n<p>\u201eMensch\u201c, sagte ich zu mir selber. \u201eZieh doch den Frack aus!\u201c<\/p>\n<p>\u201eH\u00e4?\u201c erwiderte ich. \u201eWarum?\u201c<\/p>\n<p>\u201eDu fliegst doch nach Berlin\u201c, erkl\u00e4rte ich mir. \u201eIn Berlin tr\u00e4gt keiner au\u00dfer der FDP Anz\u00fcge! Willst du so aussehen? Und au\u00dferdem, wo ist \u00fcberhaupt unser Gate?\u201c<\/p>\n<p>\u201eQuatsch. Berlin ist doch eine Weltstadt. Viele tragen Anz\u00fcge. Und es geht hier um mich und ich wohne seit Jahren in Berlin. Wenn einer im Anzug in Berlin, dann ich. Und: Wenn tats\u00e4chlich niemand einen Anzug in Berlin tr\u00e4gt, dann ist das Anzugtragen Hardcore.\u201c<\/p>\n<p>Ich hatte schon l\u00e4ngst aufgeh\u00f6rt mir selber zu zuh\u00f6ren. Und trug noch den Anzug.<\/p>\n<p>Als ich im Flieger sa\u00df, hatte ich etwas Grummeln im Bauch, das gleiche Grummeln, wie wenn man nicht wei\u00df, ob man den Ofen ausgemacht hat oder nicht. Habe ich gerade den ganzen Wohnblock wegen einer Tiefk\u00fchlpizza abgefackelt?<\/p>\n<p>Das Gef\u00fchl hatte ich immer noch, als ich in Berlin landete und ich vom Flieger in den Bus und dann in die Ringbahn stieg. Ja, Bus und Bahn und dann auch noch in die Tram um nach Hause zu kommen. So wahnsinnig zentral ist Berlins Zentralflughafen, Tegel. Entweder Bus, Bahn und Tram oder ein 30 \u20ac Taxi.<\/p>\n<p>In der Ringbahn kamen die Stimmen wieder.<\/p>\n<p>\u201eDude, h\u00e4ttest du den Anzug lieber im Gep\u00e4ck verstaut.\u201c<\/p>\n<p>\u201eJa, ich glaube, du hattest Recht.\u201c Ich musste mir pl\u00f6tzlich selber Recht geben. Die Ringbahn schien eine Allergie auf Anz\u00fcge zu haben. Klar, Berlin war immer eine Stadt der Arbeiter. Naja, bis zur Wiedervereinigung. Jetzt sind es haupts\u00e4chlich Kaffeetrinker.<\/p>\n<p>Genau dann h\u00f6rte ich noch eine Stimme aber diesmal von au\u00dfen. Es waren zwei Punks, die gerade den Gang hinunterliefen. Das Laufen sah eher aus wie kontrolliertes nach-vorne-fallen. Sie diskutierten, wo sie sich hinsetzen sollten.<\/p>\n<p>\u201eLass uns hier sitzen\u201c, sagte der eine, als er mich sah. \u201eHier neben Chef.\u201c Gl\u00fccklicherweise gab es immer noch den Gang zwischen uns. Seine weibliche Begleitung nahm Platz zwei Reihen weiter hinten. Sie war damit besch\u00e4ftigt, irgendetwas zu verdauen, was sie sich kurz zuvor ins Gehirn geschossen hatte. Sah nach viel Arbeit aus.<\/p>\n<p>Er l\u00e4chelte mich an und ich erinnerte mich selbst daran, dass ich mir zum Anzug Auszug geraten hatte. Da ich ziemlich paranoid bin, hoffte ich auf einen leichten \u00dcberfall. Portemonnaie weg. Handy weg. Vielleicht nur einige blaue Flecken. Ich hoffte, es w\u00fcrde auf etwas weniger als Mord hinauslaufen. Ich hatte ja Frau und Kinder.<\/p>\n<p>\u201eNa Chef?\u201d sagte er. Ich habe bestimmt gezuckt und versuchte, die letzten Augenblicke meines Lebens zu genie\u00dfen.<\/p>\n<h2>Punks in der Ringbahn<\/h2>\n<p>Als die Ringbahn ins Rollen kam, fing er an zu beatboxen, was mir komisch vorkam.<\/p>\n<p>\u201eSeit wann beatboxen Punks?\u201d fragte ich mich.<\/p>\n<p>Als die Ringbahn dann schneller wurde, kam Freestyling hinzu.<\/p>\n<p>\u201c<em>Wo sitzt der Boss?<\/em><\/p>\n<p><em>Da sitzt der Boss!<\/em><\/p>\n<p><em>Wer ist der Boss?<\/em><\/p>\n<p><em>Der ist der Boss!.<\/em><\/p>\n<p><em>Bin ich der Boss?<\/em><\/p>\n<p><em>Nein! Er ist der Boss!\u201c<\/em><\/p>\n<p>Es ging eine gef\u00fchlte Stunde so weiter. Ich war zu gleichen Teils beeindruckt \u00fcber sein Talent und besorgt \u00fcber meine Zukunft. Er l\u00e4chelte dabei alle an. Mich. Seine Begleitung. Die anderen Mitreisenden.<\/p>\n<p>Den Mitreisenden ging es wahrscheinlich \u00e4hnlich wie mir. Sie dachten alle, \u201eUnterhaltsamer Rap. Und der Typ im Anzug ist gleich dran. Was f\u00fcr ein Idiot, wer zieht einen Anzug an in Berlin? Ich meine, au\u00dfer der FDP?\u201c<\/p>\n<p>Ich stieg bei der n\u00e4chsten Gelegenheit aus und nahm ein 30 \u20ac Taxi.<\/p>\n<p>Wie jemand von der FDP.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bevor die Ringbahn zur Ringbahn wurde, war es eine S-Bahn Teilstrecke am Rande des neuen Ost Berlins. 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